Überblick
Der Descensus genitalis beschreibt die Senkung der Beckenorgane durch eine Schwäche des Beckenbodens. Betroffen sind vorwiegend Frauen nach vaginalen Geburten, mit Übergewicht oder nach den Wechseljahren (Östrogenmangel schwächt das Bindegewebe). Die Ausprägung reicht von einer leichten Senkung (nur bei der gynäkologischen Untersuchung feststellbar) bis zum vollständigen Prolaps (Vorfall von Gebärmutter oder Blase vor die Scheide).
Zystozele
Blasensenkung in die Scheide (häufigste Form)
Uterusprolaps
Gebärmuttersenkung bis vor den Introitus
Rektozele
Darmvorwölbung in die hintere Scheidenwand
Symptome
Die Symptome hängen davon ab, welches Organ betroffen ist: Druckgefühl oder Fremdkörpergefühl in der Scheide (besonders beim Stehen, Gehen, Pressen). Sichtbare oder tastbare Vorwölbung am Scheideneingang. Blasenentleerungsstörung mit Restharn (Zystozele: manche Patientinnen müssen die Scheide manuell stützen, um Wasser lassen zu können). Stuhlentleerungsstörung (Rektozele: digitale Unterstützung nötig). Belastungsinkontinenz. Rezidivierende Harnwegsinfekte. Kohabitationsbeschwerden.
Einteilung nach POP-Q: Internationales Klassifikationssystem mit den Stadien 0–IV. Stadium 0: keine Senkung. Stadium IV: kompletter Prolaps (maximale Senkung). Die Stadieneinteilung ist entscheidend für die Therapieplanung.
Therapie
Konservativ (Erstlinie)
Beckenbodentraining: Unter physiotherapeutischer Anleitung mit Biofeedback. Besonders wirksam bei Stadium I–II.
Pessare: Ring-, Würfel- oder Dish-Pessare stützen die Organe mechanisch. Regelmäßiger Wechsel (alle 4–8 Wochen). Lokale Östrogene (Estriol-Creme) bei postmenopausaler Atrophie verbessern die Schleimhaut und erleichtern die Pessaranpassung.
Operativ (bei Versagen konservativ)
Vaginale Kolporrhaphie: Vordere und/oder hintere Scheidenplastik. Eigengewebe. Hohe Patientenzufriedenheit, Rezidivrate 20–30%. Sakrospinale Fixation: Vaginale Aufhängung am Lig. sacrospinale (bei Scheidenstumpfprolaps). Sakrokolpopexie (laparoskopisch/roboterassistiert): Goldstandard bei apikalem Prolaps und Scheidenstumpfprolaps. Mesh-Interposition zwischen Scheide und Sakrum. Rezidivrate unter 5%, aber Mesh-Komplikationen möglich (Erosion 3–5%). Hysterektomie: Nicht primär deszensustherapeutisch – nur bei gleichzeitiger uteriner Pathologie oder als Teil der Rekonstruktion.
Vaginale Netze (Meshes): Transvaginale Netzeinlagen sind wegen hoher Komplikationsraten (Erosion, Schmerzen, Dyspareunie) weitgehend verlassen worden. FDA-Warnung seit 2011, Marktrücknahme vieler Produkte. Die abdominale Sakrokolpopexie mit Netz ist davon NICHT betroffen und bleibt Goldstandard.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich mit einem Pessar Sport treiben?▼
Ja, ein gut angepasstes Pessar ermöglicht normalen Sport. Manche Frauen nutzen das Pessar gezielt nur für sportliche Aktivitäten. Es gibt spezielle Sport-Pessare (z.B. Dish-Pessar), die besonders gut halten.
Ist eine Senkung gefährlich?▼
Eine Senkung ist in den meisten Fällen nicht gefährlich, aber kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. In seltenen Fällen kann eine ausgeprägte Zystozele mit chronischem Restharn zu Harnstauungsnieren führen. Regelmäßige Kontrolle ist daher wichtig.
Quellen
S2e-Leitlinie Deszensus genitalis der Frau. DGGG/AGUB, AWMF-Register-Nr. 015-006, 2022.
Maher, C. et al. Surgery for women with pelvic organ prolapse. Cochrane Database, 2023.
Gasser, T. Basiswissen Urologie. Springer, 4. Auflage, 2009.
⚠️ Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei gesundheitlichen Beschwerden immer einen Facharzt für Urologie. Die Inhalte wurden sorgfältig auf Basis aktueller Leitlinien und Fachliteratur erstellt, eine Gewähr für Vollständigkeit und Aktualität kann nicht übernommen werden. Keine Haftung für Schäden durch Selbstmedikation. Letzte inhaltliche Prüfung: April 2026.