Anatomie und Besonderheiten
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihre Harnwege wachsen und verändern sich, und viele Auffälligkeiten, die bei Erwachsenen behandlungsbedürftig wären, verschwinden bei Kindern von selbst. Ein erweitertes Nierenbecken beim Säugling, ein Rückfluss ersten Grades, eine enge Vorhaut im Kleinkindalter: In allen drei Fällen ist Abwarten unter Kontrolle oft die richtige Entscheidung.
Umgekehrt gibt es Zeitfenster, die sich nicht wieder öffnen. Ein Hodenhochstand soll bis zum ersten Geburtstag behandelt sein, Harnröhrenklappen gehören sofort nach der Geburt entlastet. Zwischen berechtigtem Abwarten und gefährlichem Zuwarten zu unterscheiden, ist die eigentliche Aufgabe des Fachs.

Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.
Häufige Erkrankungen
Am häufigsten sind zwei Themen, die Eltern früh begegnen: der Hodenhochstand, von dem etwa drei Prozent der reif geborenen Jungen betroffen sind, und das Bettnässen, das noch bei jedem zehnten Siebenjährigen vorkommt. Beim ersten entscheidet ein enges Zeitfenster, beim zweiten ist Geduld die wichtigste Zutat.
Nach einem fieberhaften Harnwegsinfekt im Säuglingsalter wird nach einem vesikoureteralen Reflux gesucht, also nach einem Rückfluss von Urin in Richtung Niere. Er ist an sich harmlos, wird aber gefährlich, wenn Bakterien mitwandern.
Angeborene Besonderheiten der Harnwege fallen häufig schon im Schwangerschaftsultraschall auf, allen voran die Enge am Nierenbeckenabgang. Sehr viel seltener, dafür dringlich sind Harnröhrenklappen, die nur Jungen betreffen und sofort nach der Geburt entlastet werden müssen.
Am äußeren Genital gehören die Vorhautverengung und die Hypospadie zu den häufigsten Vorstellungsgründen. Bei beiden gilt: Vieles reguliert sich von selbst, und vorschnelles Eingreifen schadet mehr, als es nützt.
Welche Beschwerde führt wohin?
Bei Kindern fällt selten ein Symptom auf, sondern meist ein Befund: ein auffälliger Ultraschall, ein fieberhafter Infekt, ein Hoden, der nicht dort liegt, wo er hingehört. Die Frage ist dann fast immer dieselbe: abwarten oder handeln?
Die drei Zeitpunkte, an denen etwas auffällt
Vor der Geburt. Im Ultraschall zeigt sich eine erweiterte Niere oder eine auffällige Blase. Das ist häufig und meist harmlos, gehört aber nach der Geburt kontrolliert, weil sich dahinter eine Abflussstörung verbergen kann.
Im ersten Lebensjahr. Die Vorsorgeuntersuchungen prüfen unter anderem, ob beide Hoden im Hodensack liegen. Ein fieberhafter Harnwegsinfekt in diesem Alter ist immer ein Grund für eine weitere Abklärung, auch wenn er gut auf Antibiotika anspricht.
Im Kindergarten- und Schulalter. Einnässen, häufiger Drang, ein auffälliger Harnstrahl oder wiederholte Infekte. Hier steckt meist keine Fehlbildung dahinter, sondern eine Funktionsstörung von Blase und Darm, die sich gut behandeln lässt.
Wann zum Kinderurologen?
Eine kinderurologische Vorstellung empfiehlt sich bei: wiederkehrenden Harnwegsinfekten (besonders bei Jungen und Mädchen unter 2 Jahren), pränatal diagnostizierter Harnwegsdilatation, Bettnässen über das 5. Lebensjahr hinaus, nicht tastbarem Hoden nach dem 6. Lebensmonat, Auffälligkeiten am äußeren Genitale, Blasenentleerungsstörungen und Schmerzen oder Schwellungen im Genitalbereich.