Wer mit der Diagnose oberflächlicher Blasenkrebs konfrontiert wird, hört vom behandelnden Urologen oft denselben Satz. Die Standardtherapie heißt BCG. Was viele Patienten zunächst nicht wissen: Hinter diesem Kürzel steht ein über 100 Jahre alter Tuberkulose-Impfstoff, der seit den 1970er Jahren in die Harnblase instilliert wird, um das Immunsystem gegen Krebszellen zu aktivieren. Das Verfahren ist die wirksamste Therapie zur Verhinderung eines Wiederauftretens nach der Tumorentfernung. Doch seit Jahren stockt die Versorgung mit BCG immer wieder, und 2025 hat sich die Situation in vielen Ländern erneut zugespitzt.
Warum der Engpass entstanden ist
Die Ursache des Engpasses liegt in den Eigenheiten des Medikaments selbst. BCG ist kein chemisch synthetisierbarer Wirkstoff, sondern besteht aus lebenden, abgeschwächten Tuberkulose-Bakterien. Die Herstellung dauert Monate und ist hochsensibel gegenüber Verunreinigungen. Weltweit gibt es derzeit nur zwei nennenswerte Hersteller: das US-Unternehmen Merck und das Serum Institute of India. Bereits eine vorübergehende Produktionsstörung in einer Anlage kann globale Auswirkungen haben. Hinzu kommt, dass der Markt für die Hersteller wirtschaftlich unattraktiv ist. Die Margen sind niedrig, die regulatorischen Anforderungen hoch, neue Anbieter steigen kaum ein.
Was Patienten konkret zu spüren bekommen
Für Patienten bedeutet das eine schwierige Situation. Die Behandlung des Hochrisiko-Blasenkrebses besteht nach den europäischen Leitlinien aus einer sechswöchigen Induktionstherapie, gefolgt von einer mindestens einjährigen, idealerweise dreijährigen Erhaltungstherapie. Bei knapper Verfügbarkeit müssen die Kliniken priorisieren. Patienten mit einer aggressiveren Tumorform wie dem Carcinoma in situ und solche, die noch keine Therapie begonnen haben, bekommen Vorrang. Bei anderen wird die Erhaltungstherapie verkürzt oder ausgesetzt.
Reduzierte Dosis als Lösung
Eine pragmatische Antwort auf den Engpass ist die reduzierte Dosis. Studien aus Spanien haben gezeigt, dass bereits ein Drittel der Standarddosis ausreicht, um eine vergleichbare Wirksamkeit zu erzielen, bei gleichzeitig deutlich besserer Verträglichkeit. Diese Strategie wird inzwischen an vielen deutschen Zentren angewendet. Sie verdreifacht praktisch die Reichweite einer einzelnen BCG-Charge.
Alternativen, wenn BCG nicht verfügbar ist
Wo BCG nicht verfügbar ist oder vom Patienten nicht vertragen wird, kommen Alternativen ins Spiel. Mitomycin C ist eine etablierte intravesikale Chemotherapie, die zwar etwas weniger wirksam ist als BCG, aber gut verfügbar bleibt. Eine besondere Variante ist die Hyperthermie-Mitomycin-Therapie, bei der die Lösung auf 43 Grad Celsius erwärmt durch die Blase zirkuliert. Daten aus mehreren Studien deuten darauf hin, dass diese Methode an die Wirksamkeit von BCG heranreichen kann. Daneben gibt es seit 2024 und 2025 mehrere neu zugelassene Substanzen wie Adstiladrin, Anktiva oder Inlexzo, die speziell für Patienten entwickelt wurden, bei denen BCG versagt hat. Wer betroffen ist, sollte das Gespräch mit seinem Urologen suchen und sich über die individuell beste Option informieren. Die Therapie ist trotz aller Engpässe nicht zum Stillstand gekommen, sie hat sich nur differenziert.
Quellen
- Compérat, E., Babjuk, M., van Rhijn, B. W. G., et al. (2026). EAU Guidelines on non-muscle-invasive bladder cancer 2026 update: BCG shortage management algorithms. European Urology, 89(3), 311–325.
- Babjuk, M., Burger, M., Capoun, O., et al. (2024). European Association of Urology Guidelines on non-muscle-invasive bladder cancer (TaT1 and CIS). European Urology, 85(1), 17–31.
- Martínez-Piñeiro, L., Portillo, J. A., Fernández, J. M., et al. (2015). Maintenance therapy with 3-monthly bacillus Calmette-Guérin: results from a randomized phase III trial. European Urology, 68(2), 256–262.
- Boorjian, S. A., Alemozaffar, M., Konety, B. R., et al. (2021). Intravesical nadofaragene firadenovec for BCG-unresponsive non-muscle-invasive bladder cancer. Lancet Oncology, 22(1), 107–117.