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Spermiogramm verstehen: Normwerte, Ablauf & Bedeutung

Spermiogramm-Befund erklärt: Spermienkonzentration, Motilität, Morphologie. WHO-Normwerte 2021. Was tun bei auffälligem Befund?
📅 Aktualisiert: April 2026

Überblick

Das Spermiogramm ist die wichtigste Untersuchung, wenn ein Paar auf natürlichem Weg keine Schwangerschaft erreicht. Etwa jedes siebte Paar in Deutschland ist von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen, und in ungefähr der Hälfte dieser Fälle liegt die Ursache — allein oder mitverantwortlich — beim Mann. Das Spermiogramm zeigt, ob Anzahl, Beweglichkeit und Form der Spermien im Ejakulat den Erwartungen entsprechen. Die aktuelle Referenz sind die WHO-Normwerte in ihrer sechsten Auflage von 2021.

≥16 Mio.
Spermien pro Milliliter (WHO 2021)
74 Tage
Reifungszeit eines Spermiums
50 %
der Kinderlosigkeit ist männlich mitbedingt
2–5 Tage
Karenzzeit vor der Probe

Wichtig gleich vorweg: Ein einzelner auffälliger Wert bedeutet noch keinen sicheren Befund. Die Spermienqualität schwankt bei jedem Mann von Woche zu Woche erheblich — Infekte, Stress, Fieber, körperliche Erschöpfung oder ein heißes Bad können den Wert vorübergehend deutlich verschlechtern. Deshalb wird bei einem auffälligen Erstbefund immer eine zweite Untersuchung im Abstand von mindestens vier bis sechs Wochen empfohlen, bevor eine Diagnose gestellt wird.

💡 Interessant

Die WHO-Normwerte haben in ihrer Geschichte mehrfach nach unten korrigiert. In der ersten Ausgabe von 1980 galt eine Konzentration von 60 Millionen pro Milliliter als „normal", 1999 waren es 20 Millionen, 2010 dann 15 Millionen, und in der aktuellen sechsten Ausgabe 16 Millionen. Der Grund ist keine biologische Veränderung, sondern die Erkenntnis, dass die früheren Werte auf sehr fruchtbaren Männern basierten. Die heutigen Referenzen orientieren sich an der 5. Perzentile von Männern, deren Partnerinnen innerhalb von zwölf Monaten schwanger wurden — also am unteren Rand normaler Fruchtbarkeit.

Wann ist ein Spermiogramm sinnvoll?

Die häufigste Indikation ist der unerfüllte Kinderwunsch nach zwölf Monaten regelmäßigen, ungeschützten Geschlechtsverkehrs — bei Frauen über 35 bereits nach sechs Monaten, weil hier die Zeit ein wichtiger Faktor ist. In diesen Fällen wird die Untersuchung parallel zur Fruchtbarkeitsdiagnostik der Partnerin empfohlen; man verliert damit keine Zeit und findet die Ursache oft schneller.

Weitere Indikationen sind:

  • Kontrolle nach einer Vasektomie — nach 12 Wochen und mindestens 20–25 Ejakulationen, um die Sterilität zu bestätigen. Erst bei nachgewiesener Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat) darf auf zusätzliche Verhütung verzichtet werden.
  • Vor einer geplanten Krebstherapie (Chemotherapie, Strahlentherapie) — als Basis für die Beurteilung späterer Schäden und zur Entscheidung über eine Kryokonservierung von Spermien.
  • Nach einer Varikozele-Operation — zur Erfolgskontrolle, meist 3–6 Monate postoperativ.
  • Vor einer künstlichen Befruchtung (IUI, IVF, ICSI) — um die passende Methode zu wählen und die Erfolgsaussichten realistisch einzuschätzen.
  • Bei ausbleibendem oder schwachem Erguss — zur Klärung, ob eine retrograde Ejakulation oder eine Verschlussproblematik vorliegt.

Vorbereitung und Ablauf

Für aussagekräftige Ergebnisse ist die richtige Vorbereitung entscheidend. Die WHO empfiehlt eine sexuelle Karenzzeit von zwei bis sieben Tagen vor der Probenabgabe — nicht länger und nicht kürzer. Kürzere Karenz führt zu niedrigeren Konzentrationen, längere Karenz zu vermehrt beschädigten Spermien und schlechterer Beweglichkeit. Als guter Kompromiss haben sich drei bis vier Tage etabliert.

In den Wochen vor der Untersuchung sollten Sie folgende Punkte beachten:

  • Keine hohen Temperaturen im Hodenbereich — meiden Sie Sauna, sehr heiße Bäder, Whirlpool und Sitzheizung in den vier Wochen vor dem Termin. Der Hoden funktioniert bei einer Temperatur, die zwei bis drei Grad unter der Körpertemperatur liegt; Wärme stört die Spermienbildung nachweislich.
  • Kein Fieber — Fieber jeglicher Ursache kann die Spermienqualität für bis zu drei Monate senken. Nach einer fieberhaften Erkrankung sollten Sie mit dem Spermiogramm entsprechend warten.
  • Rauchen, Alkohol, Drogen — beeinflussen die Spermienbildung negativ. Wenn möglich, deutlich reduzieren oder pausieren.
  • Medikamente — bestimmte Medikamente (bestimmte Antibiotika, Testosteron, anabole Steroide, Chemotherapeutika, manche Antidepressiva) können die Fruchtbarkeit einschränken. Bitte teilen Sie dem Labor Ihre aktuelle Medikation mit.
  • Kein akuter Infekt — bei fieberhaftem Infekt, Harnwegsinfektion oder Prostataentzündung sollte die Probe erst 4–6 Wochen nach Ausheilung erfolgen.

Die Probenabgabe erfolgt in der Regel durch Masturbation direkt im Labor oder in der urologischen Praxis, um Transportverluste zu vermeiden. Das Ejakulat wird in einem sterilen Behälter aufgefangen. Es ist wichtig, das gesamte Ejakulat einzufangen — der erste Anteil enthält die höchste Spermienkonzentration. Falls Sie die Probe zu Hause abgeben müssen, sollte sie innerhalb einer Stunde bei Körpertemperatur (nicht kälter, nicht wärmer) ins Labor gebracht werden. Gleitmittel, auch als „spermienfreundlich" beworbene, sind zu vermeiden — sie können die Beweglichkeit beeinträchtigen.

⚠ Nur eine Probe ist keine Diagnose

Wegen der natürlichen Schwankung der Spermienqualität stellt ein einzelnes auffälliges Spermiogramm noch keine Diagnose dar. Vor jeder weiterführenden Therapieentscheidung sollte die Untersuchung mindestens einmal wiederholt werden — im Abstand von 4 bis 6 Wochen. Bei den seltenen Fällen einer Azoospermie (keine Spermien nachweisbar) wird eine zweite Untersuchung auch mit spezieller Zentrifugationstechnik empfohlen, um seltene versteckte Spermien nicht zu übersehen.

Die Normwerte im Detail (WHO 2021)

Die WHO-Referenzwerte basieren auf einer großen Kohorte fruchtbarer Männer und beziehen sich auf die 5. Perzentile — das bedeutet, dass 95 Prozent der Männer mit erfolgreicher Zeugung Werte oberhalb dieser Grenze aufweisen. Werte darunter sind nicht automatisch unfruchtbar, aber statistisch mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einer spontanen Schwangerschaft verbunden.

Ejakulatvolumen: ≥ 1,4 ml — sehr geringe Mengen können auf einen Verschluss der Samenwege oder eine retrograde Ejakulation hinweisen. Sehr große Volumina reduzieren die effektive Spermienkonzentration.

pH-Wert: 7,2–8,0 — spiegelt das Gleichgewicht zwischen saurem Prostatasekret und alkalischem Samenblasensekret wider. Ein niedriger pH-Wert deutet auf einen fehlenden Samenblasenbeitrag hin.

Spermienkonzentration: ≥ 16 Millionen pro ml — die wichtigste Einzelgröße für die Zeugungsfähigkeit. Werte darunter werden als Oligozoospermie bezeichnet.

Gesamt-Spermienzahl im Ejakulat: ≥ 39 Millionen — Konzentration multipliziert mit Volumen. Aussagekräftiger als die Konzentration allein.

Gesamtmotilität: ≥ 42 % — der Anteil aller beweglichen Spermien. Werte darunter werden als Asthenozoospermie bezeichnet.

Progressive Motilität: ≥ 30 % — der Anteil vorwärtsschwimmender Spermien (die einzigen, die eine Eizelle erreichen können). Der klinisch wichtigste Motilitätswert.

Vitalität: ≥ 54 % — der Anteil lebender Spermien, bestimmt durch Farbstoff-Ausschluss. Wichtig bei niedriger Motilität, um zu klären, ob Spermien tot oder nur immobil sind.

Morphologie: ≥ 4 % Normalformen nach den strengen Kriterien nach Kruger. Werte darunter werden als Teratozoospermie bezeichnet. Wichtig: Selbst bei nur 4 Prozent Normalformen sind 96 Prozent „abweichend" — das ist bei fruchtbaren Männern normal.

Leukozyten (Weiße Blutkörperchen): < 1 Million pro ml — erhöhte Werte können auf eine Entzündung der Prostata oder Samenwege hindeuten.

Diagnostische Begriffe und was sie bedeuten

Die Befundberichte verwenden eine standardisierte Terminologie, die auf den ersten Blick verwirrend wirken kann. Hier die wichtigsten Begriffe in Klartext:

  • Normozoospermie — alle Werte im Normbereich. Die Fruchtbarkeit spricht statistisch für sich.
  • Oligozoospermie — zu geringe Spermienkonzentration. Milde (10–16 Mio./ml), mittelgradige (5–10 Mio./ml) oder schwere Form (< 5 Mio./ml).
  • Asthenozoospermie — zu geringe Beweglichkeit.
  • Teratozoospermie — zu wenige normalgeformte Spermien.
  • OAT-Syndrom (Oligo-Astheno-Teratozoospermie) — die häufigste diagnostische Konstellation: Konzentration, Motilität und Morphologie sind alle drei reduziert. Trotzdem ist eine spontane Schwangerschaft möglich, wenn auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit.
  • Kryptozoospermie — extrem wenige Spermien, nur in der Zentrifugation nachweisbar.
  • Azoospermie — keine Spermien im Ejakulat. Weiter differenziert in obstruktive (Verschluss der Samenwege bei intakter Spermienbildung) und nicht-obstruktive (gestörte Spermienbildung im Hoden). Die Unterscheidung ist therapeutisch entscheidend.
  • Aspermie — kein Ejakulat abgegeben. Meist retrograde Ejakulation oder Verschluss.
  • Nekrozoospermie — hoher Anteil toter Spermien.
  • Leukozytospermie — erhöhte weiße Blutkörperchen als Hinweis auf Entzündung.

Was tun bei auffälligem Befund?

Ein auffälliges Spermiogramm ist kein Endergebnis, sondern der Anfang einer weiterführenden Abklärung. Die Ursachen für eingeschränkte Fruchtbarkeit sind vielfältig — und ein relevanter Anteil davon ist behandelbar.

Weiterführende Untersuchungen umfassen üblicherweise:

  • Ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung — inklusive Beurteilung von Hodengröße, Konsistenz, Nebenhoden und Samenleiter. Suche nach Varikozele.
  • Hormondiagnostik — FSH, LH, Testosteron, Prolaktin, Östradiol, ggf. SHBG und Inhibin B. Die Werte differenzieren zwischen zentraler (hypothalamisch-hypophysärer) und hodenbedingter (primärer) Störung.
  • Hodenultraschall — zur Beurteilung von Größe, Struktur, Durchblutung. Detektion von Varikozelen, Nebenhodenzysten, Hodentumoren.
  • Genetische Untersuchung bei schwerer Oligozoospermie oder Azoospermie — Karyotyp, Y-Chromosom-Mikrodeletionen (AZFa, AZFb, AZFc), CFTR-Mutationen (bei Verdacht auf angeborenes beidseitiges Fehlen der Samenleiter, CBAVD).
  • Postejakulatorische Urinuntersuchung — bei niedrigem Ejakulatvolumen zur Klärung, ob eine retrograde Ejakulation vorliegt.
  • Ejakulatkultur — bei erhöhten Leukozyten zur Suche nach bakterieller Infektion.

Therapeutische Möglichkeiten je nach Ursache:

  • Lebensstilanpassung — Rauchstopp, Alkoholreduktion, Normalgewicht, Sport, ausreichender Schlaf. Verbesserungen zeigen sich frühestens nach drei Monaten, weil die Spermienreifung 74 Tage dauert.
  • Varikozele-Operation — mikrochirurgische Varikozelektomie verbessert das Spermiogramm bei 60–70 Prozent der Männer mit relevanter Varikozele.
  • Hormonelle Therapie — bei hypogonadotropem Hypogonadismus (zentrale Störung) sehr wirksam; bei primären Hodenschäden dagegen meist ohne Effekt. Testosteron-Präparate sind bei Kinderwunsch kontraindiziert, da sie die eigene Spermienbildung unterdrücken.
  • Antibiotische Therapie bei nachgewiesener Infektion.
  • Assistierte Reproduktion — je nach Schweregrad IUI (intrauterine Insemination), IVF (In-vitro-Fertilisation) oder ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion). Bei Azoospermie ergänzend TESE oder Mikro-TESE zur Spermiengewinnung aus dem Hoden.

Kann man das Spermiogramm verbessern?

Ja, in vielen Fällen deutlich. Die Spermienbildung ist ein Prozess, der stark auf äußere Faktoren reagiert. Verbesserungen sind allerdings nur mit Geduld messbar: Da ein Spermium 74 Tage zur Reifung braucht, zeigen sich Effekte von Lebensstiländerungen frühestens nach drei bis vier Monaten. Wer also den Erfolg einer Umstellung im Spermiogramm sehen möchte, muss so lange durchhalten.

Evidenzbasierte Maßnahmen mit belegter Wirkung:

  • Rauchstopp — Rauchen reduziert Spermienzahl und -qualität signifikant. Nach 3 Monaten Karenz messbare Verbesserung.
  • Alkoholreduktion — mehr als drei Alkoholeinheiten pro Tag reduzieren die Testosteronproduktion und Spermienqualität.
  • Normalgewicht anstreben — Übergewicht führt zu erhöhter peripherer Umwandlung von Testosteron in Östradiol, was die Hormonachse stört. Deutliche Gewichtsreduktion kann Werte um 20–30 Prozent verbessern.
  • Regelmäßige moderate Bewegung — 3–5 Trainingseinheiten pro Woche verbessern die Werte. Extremsport dagegen kann die Fruchtbarkeit vorübergehend verschlechtern.
  • Hodentemperatur niedrig halten — Sauna, sehr heiße Bäder, enge Unterwäsche und langes Sitzen (LKW-Fahrer, Büroarbeit) reduzieren. Kein Laptop auf dem Schoß.
  • Ausreichender Schlaf — 7–8 Stunden pro Nacht. Schlafmangel senkt Testosteron.
  • Nahrungsergänzung — die Datenlage ist gemischt. Kombinationspräparate mit Zink, Selen, Folsäure, L-Carnitin, Coenzym Q10 und Vitamin E können bei nachgewiesenem Mangel helfen; ohne Mangel ist der Effekt marginal.
  • Anabole Steroide absetzen — wer aus Fitness-Gründen Testosteron oder Anabolika verwendet, unterdrückt die eigene Spermienbildung oft vollständig. Die Erholung dauert nach Absetzen 6–18 Monate.

Das Ausmaß der möglichen Verbesserung hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Bei Männern mit reversiblen Faktoren (Rauchen, Übergewicht, Hitzeexposition) sind Steigerungen der Spermienzahl um 30–50 Prozent innerhalb von 3–6 Monaten realistisch. Bei genetisch bedingter Störung dagegen ist die Steigerungsmöglichkeit sehr begrenzt.

Häufige Fragen

Wie lange muss ich vor dem Spermiogramm keinen Sex haben?

Die WHO empfiehlt eine Karenzzeit von 2 bis 7 Tagen — als guter Kompromiss haben sich 3 bis 4 Tage etabliert. Zu kurze Karenz führt zu niedrigen Konzentrationen, zu lange Karenz zu verminderter Beweglichkeit und mehr geschädigten Spermien. Bei einer zweiten Untersuchung sollten Sie die gleiche Karenzzeit wie beim ersten Mal wählen, um die Ergebnisse vergleichbar zu machen.

Was tun bei einem auffälligen Spermiogramm?

Zunächst nicht in Panik geraten und die Untersuchung nach 4–6 Wochen wiederholen. Ein einzelnes auffälliges Ergebnis ist noch keine Diagnose, weil die Spermienqualität stark schwankt. Wenn sich der Befund bestätigt, folgt eine weitere Abklärung: körperliche Untersuchung, Hodenultraschall, Hormonwerte und je nach Situation eine genetische Untersuchung. Viele Ursachen sind behandelbar — Varikozele, Hormonstörungen, Lebensstilfaktoren, Infektionen. Bei ausbleibendem Erfolg der Ursachentherapie steht die assistierte Reproduktion (IUI, IVF, ICSI) zur Verfügung.

Kann ich mein Spermiogramm verbessern?

Ja, in vielen Fällen. Lebensstilfaktoren haben großen Einfluss: Rauchstopp, Alkoholreduktion, Normalgewicht, moderate Bewegung, ausreichender Schlaf, keine Sauna-Exzesse, keine engen Unterhosen, kein Laptop auf dem Schoß. Bei Varikozele kann eine Operation die Werte in 60–70 Prozent verbessern. Wichtig: Verbesserungen zeigen sich frühestens nach 3 Monaten, weil die Spermienreifung 74 Tage dauert. Nahrungsergänzungsmittel (Zink, Selen, Folsäure, L-Carnitin) haben einen begrenzten Effekt und sind vor allem bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll.

Was bedeutet OAT-Syndrom?

Das OAT-Syndrom steht für Oligo-Astheno-Teratozoospermie — also die Kombination aus zu wenigen (Oligo-), zu wenig beweglichen (Astheno-) und zu wenig normalgeformten (Terato-)Spermien. Es ist die häufigste diagnostische Konstellation bei Fruchtbarkeitsstörungen des Mannes. Eine spontane Schwangerschaft ist damit nicht ausgeschlossen, aber statistisch weniger wahrscheinlich. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und dem Kinderwunsch: Lebensstilanpassung, Behandlung einer Varikozele oder Hormonstörung, gegebenenfalls assistierte Reproduktion (meist ICSI).

Was ist der Unterschied zwischen Azoospermie und Aspermie?

Bei der Azoospermie wird zwar Ejakulat abgegeben, es enthält aber keine Spermien. Man unterscheidet die obstruktive Azoospermie (Verschluss der Samenwege bei intakter Spermienbildung im Hoden — häufig gut behandelbar) von der nicht-obstruktiven Form (gestörte Spermienbildung selbst). Bei der Aspermie dagegen wird gar kein Ejakulat abgegeben — meist wegen retrograder Ejakulation (Samenerguss in die Blase statt nach außen), Nervenschädigung oder Blockade. Beide Konstellationen bedürfen weiterer Abklärung, sind aber grundsätzlich behandelbar oder mit assistierter Reproduktion überbrückbar.

Wie zuverlässig ist ein Home-Spermiogramm aus der Apotheke?

Nur eingeschränkt. Die meisten Selbsttest-Kits messen ausschließlich die Spermienkonzentration und zeigen ein einfaches „normal" oder „auffällig" an. Sie ersetzen keine vollständige Untersuchung im spezialisierten Labor, weil sie weder Beweglichkeit, Morphologie, Vitalität, pH-Wert noch Leukozyten erfassen — alles Parameter, die für die Diagnose entscheidend sind. Ein negativer Home-Test (also „auffällig") sollte durch eine professionelle Untersuchung überprüft werden; ein positiver Test schließt Fertilitätsprobleme nicht sicher aus.

Wann bekommt man das Ergebnis?

In der Regel innerhalb weniger Tage. Die eigentliche Analyse erfolgt am Tag der Probenabgabe und dauert 60–90 Minuten. Die schriftliche Befundmitteilung folgt anschließend, meist innerhalb einer Woche. Bei aufwändigeren Zusatzuntersuchungen (Antikörpertests, spezielle Färbungen) kann die Auswertung länger dauern. Das Ergebnisgespräch sollte immer beim Urologen erfolgen — die Zahlen allein sind schwer einzuordnen und der Kontext (Vorerkrankungen, Medikamente, Karenzzeit) macht die eigentliche Diagnose.

Übernimmt die Krankenkasse das Spermiogramm?

Bei unerfülltem Kinderwunsch übernimmt die gesetzliche Krankenkasse (GKV) die erste diagnostische Spermiogramm-Untersuchung als Kassenleistung, sofern der Urologe die medizinische Notwendigkeit dokumentiert. Auch die Kontrolluntersuchung nach einer Vasektomie ist eine Kassenleistung. Für erweiterte Untersuchungen (Antikörpertests, DNA-Fragmentierung) und für Selbstzahler-Kontrollen ohne medizinischen Anlass fallen typischerweise 30–80 Euro an. Private Krankenversicherungen erstatten die Untersuchung meist in vollem Umfang.

Wie viele Wiederholungen sind sinnvoll?

Die WHO empfiehlt mindestens zwei Untersuchungen im Abstand von 4 bis 6 Wochen, um die natürliche Schwankung auszugleichen. Bei starken Abweichungen zwischen den ersten beiden Ergebnissen kann eine dritte Untersuchung sinnvoll sein. Nach therapeutischen Maßnahmen (Lebensstiländerung, Varikozele-OP, hormonelle Behandlung) sollte das Spermiogramm frühestens nach 3 Monaten wiederholt werden — vorher zeigen sich Effekte auf die Spermienbildung noch nicht.

Quellen

Leitlinien und Referenzwerke

[1] World Health Organization. WHO Laboratory Manual for the Examination and Processing of Human Semen. 6th Edition, Genf 2021.
[2] Salonia A, Bettocchi C, Boeri L, et al. EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. European Association of Urology, Update 2024.
[3] Schlegel PN, Sigman M, Collura B, et al. Diagnosis and treatment of infertility in men: AUA/ASRM guideline part I und II. Fertility and Sterility 115(1): 54–82, 2021.

Pivotalstudien

[4] Cooper TG, Noonan E, von Eckardstein S, et al. World Health Organization reference values for human semen characteristics. Human Reproduction Update 16(3): 231–245, 2010 — Basis der WHO-Referenzwerte.
[5] Levine H, Jørgensen N, Martino-Andrade A, et al. Temporal trends in sperm count: a systematic review and meta-regression analysis. Human Reproduction Update 23(6): 646–659, 2017 — vielzitierte Analyse zur langfristigen Abnahme der Spermienzahl.
[6] Kruger TF, Menkveld R, Stander FS, et al. Sperm morphologic features as a prognostic factor in in vitro fertilization. Fertility and Sterility 46(6): 1118–1123, 1986 — Basis der strengen Morphologie-Kriterien.

Reviews

[7] Barratt CLR, Björndahl L, De Jonge CJ, et al. The diagnosis of male infertility: an analysis of the evidence to support the development of global WHO guidance. Human Reproduction Update 23(6): 660–680, 2017.
[8] Punjani N, Flannigan R, Kang C, et al. Impact of Duration of Abstinence on Semen Analysis Parameters. Reviews in Urology 22(4): 148–157, 2020.

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