Das Spermiogramm ist die wichtigste Untersuchung, wenn ein Paar auf natürlichem Weg keine Schwangerschaft erreicht. Etwa jedes siebte Paar in Deutschland ist von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen, und in ungefähr der Hälfte dieser Fälle liegt die Ursache — allein oder mitverantwortlich — beim Mann. Das Spermiogramm zeigt, ob Anzahl, Beweglichkeit und Form der Spermien im Ejakulat den Erwartungen entsprechen. Die aktuelle Referenz sind die WHO-Normwerte in ihrer sechsten Auflage von 2021.
Wichtig gleich vorweg: Ein einzelner auffälliger Wert bedeutet noch keinen sicheren Befund. Die Spermienqualität schwankt bei jedem Mann von Woche zu Woche erheblich — Infekte, Stress, Fieber, körperliche Erschöpfung oder ein heißes Bad können den Wert vorübergehend deutlich verschlechtern. Deshalb wird bei einem auffälligen Erstbefund immer eine zweite Untersuchung im Abstand von mindestens vier bis sechs Wochen empfohlen, bevor eine Diagnose gestellt wird.
Die WHO-Normwerte haben in ihrer Geschichte mehrfach nach unten korrigiert. In der ersten Ausgabe von 1980 galt eine Konzentration von 60 Millionen pro Milliliter als „normal", 1999 waren es 20 Millionen, 2010 dann 15 Millionen, und in der aktuellen sechsten Ausgabe 16 Millionen. Der Grund ist keine biologische Veränderung, sondern die Erkenntnis, dass die früheren Werte auf sehr fruchtbaren Männern basierten. Die heutigen Referenzen orientieren sich an der 5. Perzentile von Männern, deren Partnerinnen innerhalb von zwölf Monaten schwanger wurden — also am unteren Rand normaler Fruchtbarkeit.
Die häufigste Indikation ist der unerfüllte Kinderwunsch nach zwölf Monaten regelmäßigen, ungeschützten Geschlechtsverkehrs — bei Frauen über 35 bereits nach sechs Monaten, weil hier die Zeit ein wichtiger Faktor ist. In diesen Fällen wird die Untersuchung parallel zur Fruchtbarkeitsdiagnostik der Partnerin empfohlen; man verliert damit keine Zeit und findet die Ursache oft schneller.
Weitere Indikationen sind:
Für aussagekräftige Ergebnisse ist die richtige Vorbereitung entscheidend. Die WHO empfiehlt eine sexuelle Karenzzeit von zwei bis sieben Tagen vor der Probenabgabe — nicht länger und nicht kürzer. Kürzere Karenz führt zu niedrigeren Konzentrationen, längere Karenz zu vermehrt beschädigten Spermien und schlechterer Beweglichkeit. Als guter Kompromiss haben sich drei bis vier Tage etabliert.
In den Wochen vor der Untersuchung sollten Sie folgende Punkte beachten:
Die Probenabgabe erfolgt in der Regel durch Masturbation direkt im Labor oder in der urologischen Praxis, um Transportverluste zu vermeiden. Das Ejakulat wird in einem sterilen Behälter aufgefangen. Es ist wichtig, das gesamte Ejakulat einzufangen — der erste Anteil enthält die höchste Spermienkonzentration. Falls Sie die Probe zu Hause abgeben müssen, sollte sie innerhalb einer Stunde bei Körpertemperatur (nicht kälter, nicht wärmer) ins Labor gebracht werden. Gleitmittel, auch als „spermienfreundlich" beworbene, sind zu vermeiden — sie können die Beweglichkeit beeinträchtigen.
Wegen der natürlichen Schwankung der Spermienqualität stellt ein einzelnes auffälliges Spermiogramm noch keine Diagnose dar. Vor jeder weiterführenden Therapieentscheidung sollte die Untersuchung mindestens einmal wiederholt werden — im Abstand von 4 bis 6 Wochen. Bei den seltenen Fällen einer Azoospermie (keine Spermien nachweisbar) wird eine zweite Untersuchung auch mit spezieller Zentrifugationstechnik empfohlen, um seltene versteckte Spermien nicht zu übersehen.
Die WHO-Referenzwerte basieren auf einer großen Kohorte fruchtbarer Männer und beziehen sich auf die 5. Perzentile — das bedeutet, dass 95 Prozent der Männer mit erfolgreicher Zeugung Werte oberhalb dieser Grenze aufweisen. Werte darunter sind nicht automatisch unfruchtbar, aber statistisch mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit einer spontanen Schwangerschaft verbunden.
Ejakulatvolumen: ≥ 1,4 ml — sehr geringe Mengen können auf einen Verschluss der Samenwege oder eine retrograde Ejakulation hinweisen. Sehr große Volumina reduzieren die effektive Spermienkonzentration.
pH-Wert: 7,2–8,0 — spiegelt das Gleichgewicht zwischen saurem Prostatasekret und alkalischem Samenblasensekret wider. Ein niedriger pH-Wert deutet auf einen fehlenden Samenblasenbeitrag hin.
Spermienkonzentration: ≥ 16 Millionen pro ml — die wichtigste Einzelgröße für die Zeugungsfähigkeit. Werte darunter werden als Oligozoospermie bezeichnet.
Gesamt-Spermienzahl im Ejakulat: ≥ 39 Millionen — Konzentration multipliziert mit Volumen. Aussagekräftiger als die Konzentration allein.
Gesamtmotilität: ≥ 42 % — der Anteil aller beweglichen Spermien. Werte darunter werden als Asthenozoospermie bezeichnet.
Progressive Motilität: ≥ 30 % — der Anteil vorwärtsschwimmender Spermien (die einzigen, die eine Eizelle erreichen können). Der klinisch wichtigste Motilitätswert.
Vitalität: ≥ 54 % — der Anteil lebender Spermien, bestimmt durch Farbstoff-Ausschluss. Wichtig bei niedriger Motilität, um zu klären, ob Spermien tot oder nur immobil sind.
Morphologie: ≥ 4 % Normalformen nach den strengen Kriterien nach Kruger. Werte darunter werden als Teratozoospermie bezeichnet. Wichtig: Selbst bei nur 4 Prozent Normalformen sind 96 Prozent „abweichend" — das ist bei fruchtbaren Männern normal.
Leukozyten (Weiße Blutkörperchen): < 1 Million pro ml — erhöhte Werte können auf eine Entzündung der Prostata oder Samenwege hindeuten.
Die Befundberichte verwenden eine standardisierte Terminologie, die auf den ersten Blick verwirrend wirken kann. Hier die wichtigsten Begriffe in Klartext:
Ein auffälliges Spermiogramm ist kein Endergebnis, sondern der Anfang einer weiterführenden Abklärung. Die Ursachen für eingeschränkte Fruchtbarkeit sind vielfältig — und ein relevanter Anteil davon ist behandelbar.
Weiterführende Untersuchungen umfassen üblicherweise:
Therapeutische Möglichkeiten je nach Ursache:
Ja, in vielen Fällen deutlich. Die Spermienbildung ist ein Prozess, der stark auf äußere Faktoren reagiert. Verbesserungen sind allerdings nur mit Geduld messbar: Da ein Spermium 74 Tage zur Reifung braucht, zeigen sich Effekte von Lebensstiländerungen frühestens nach drei bis vier Monaten. Wer also den Erfolg einer Umstellung im Spermiogramm sehen möchte, muss so lange durchhalten.
Evidenzbasierte Maßnahmen mit belegter Wirkung:
Das Ausmaß der möglichen Verbesserung hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Bei Männern mit reversiblen Faktoren (Rauchen, Übergewicht, Hitzeexposition) sind Steigerungen der Spermienzahl um 30–50 Prozent innerhalb von 3–6 Monaten realistisch. Bei genetisch bedingter Störung dagegen ist die Steigerungsmöglichkeit sehr begrenzt.
Die WHO empfiehlt eine Karenzzeit von 2 bis 7 Tagen — als guter Kompromiss haben sich 3 bis 4 Tage etabliert. Zu kurze Karenz führt zu niedrigen Konzentrationen, zu lange Karenz zu verminderter Beweglichkeit und mehr geschädigten Spermien. Bei einer zweiten Untersuchung sollten Sie die gleiche Karenzzeit wie beim ersten Mal wählen, um die Ergebnisse vergleichbar zu machen.
Zunächst nicht in Panik geraten und die Untersuchung nach 4–6 Wochen wiederholen. Ein einzelnes auffälliges Ergebnis ist noch keine Diagnose, weil die Spermienqualität stark schwankt. Wenn sich der Befund bestätigt, folgt eine weitere Abklärung: körperliche Untersuchung, Hodenultraschall, Hormonwerte und je nach Situation eine genetische Untersuchung. Viele Ursachen sind behandelbar — Varikozele, Hormonstörungen, Lebensstilfaktoren, Infektionen. Bei ausbleibendem Erfolg der Ursachentherapie steht die assistierte Reproduktion (IUI, IVF, ICSI) zur Verfügung.
Ja, in vielen Fällen. Lebensstilfaktoren haben großen Einfluss: Rauchstopp, Alkoholreduktion, Normalgewicht, moderate Bewegung, ausreichender Schlaf, keine Sauna-Exzesse, keine engen Unterhosen, kein Laptop auf dem Schoß. Bei Varikozele kann eine Operation die Werte in 60–70 Prozent verbessern. Wichtig: Verbesserungen zeigen sich frühestens nach 3 Monaten, weil die Spermienreifung 74 Tage dauert. Nahrungsergänzungsmittel (Zink, Selen, Folsäure, L-Carnitin) haben einen begrenzten Effekt und sind vor allem bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll.
Das OAT-Syndrom steht für Oligo-Astheno-Teratozoospermie — also die Kombination aus zu wenigen (Oligo-), zu wenig beweglichen (Astheno-) und zu wenig normalgeformten (Terato-)Spermien. Es ist die häufigste diagnostische Konstellation bei Fruchtbarkeitsstörungen des Mannes. Eine spontane Schwangerschaft ist damit nicht ausgeschlossen, aber statistisch weniger wahrscheinlich. Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und dem Kinderwunsch: Lebensstilanpassung, Behandlung einer Varikozele oder Hormonstörung, gegebenenfalls assistierte Reproduktion (meist ICSI).
Bei der Azoospermie wird zwar Ejakulat abgegeben, es enthält aber keine Spermien. Man unterscheidet die obstruktive Azoospermie (Verschluss der Samenwege bei intakter Spermienbildung im Hoden — häufig gut behandelbar) von der nicht-obstruktiven Form (gestörte Spermienbildung selbst). Bei der Aspermie dagegen wird gar kein Ejakulat abgegeben — meist wegen retrograder Ejakulation (Samenerguss in die Blase statt nach außen), Nervenschädigung oder Blockade. Beide Konstellationen bedürfen weiterer Abklärung, sind aber grundsätzlich behandelbar oder mit assistierter Reproduktion überbrückbar.
Nur eingeschränkt. Die meisten Selbsttest-Kits messen ausschließlich die Spermienkonzentration und zeigen ein einfaches „normal" oder „auffällig" an. Sie ersetzen keine vollständige Untersuchung im spezialisierten Labor, weil sie weder Beweglichkeit, Morphologie, Vitalität, pH-Wert noch Leukozyten erfassen — alles Parameter, die für die Diagnose entscheidend sind. Ein negativer Home-Test (also „auffällig") sollte durch eine professionelle Untersuchung überprüft werden; ein positiver Test schließt Fertilitätsprobleme nicht sicher aus.
In der Regel innerhalb weniger Tage. Die eigentliche Analyse erfolgt am Tag der Probenabgabe und dauert 60–90 Minuten. Die schriftliche Befundmitteilung folgt anschließend, meist innerhalb einer Woche. Bei aufwändigeren Zusatzuntersuchungen (Antikörpertests, spezielle Färbungen) kann die Auswertung länger dauern. Das Ergebnisgespräch sollte immer beim Urologen erfolgen — die Zahlen allein sind schwer einzuordnen und der Kontext (Vorerkrankungen, Medikamente, Karenzzeit) macht die eigentliche Diagnose.
Bei unerfülltem Kinderwunsch übernimmt die gesetzliche Krankenkasse (GKV) die erste diagnostische Spermiogramm-Untersuchung als Kassenleistung, sofern der Urologe die medizinische Notwendigkeit dokumentiert. Auch die Kontrolluntersuchung nach einer Vasektomie ist eine Kassenleistung. Für erweiterte Untersuchungen (Antikörpertests, DNA-Fragmentierung) und für Selbstzahler-Kontrollen ohne medizinischen Anlass fallen typischerweise 30–80 Euro an. Private Krankenversicherungen erstatten die Untersuchung meist in vollem Umfang.
Die WHO empfiehlt mindestens zwei Untersuchungen im Abstand von 4 bis 6 Wochen, um die natürliche Schwankung auszugleichen. Bei starken Abweichungen zwischen den ersten beiden Ergebnissen kann eine dritte Untersuchung sinnvoll sein. Nach therapeutischen Maßnahmen (Lebensstiländerung, Varikozele-OP, hormonelle Behandlung) sollte das Spermiogramm frühestens nach 3 Monaten wiederholt werden — vorher zeigen sich Effekte auf die Spermienbildung noch nicht.
Leitlinien und Referenzwerke
Pivotalstudien
Reviews