Überblick
Die sakrale Neuromodulation ist ein neuromodulatorisches Verfahren, bei dem ein Schrittmacher-ähnliches Gerät den dritten Sakralnerven (S3) elektrisch stimuliert und so die gestörte Blasenfunktion reguliert. Der S3-Nerv koordiniert die Kommunikation zwischen Blase, Beckenboden und Gehirn – die elektrische Stimulation stellt dieses Gleichgewicht wieder her.
Indikation
Zugelassene Indikationen: Therapieresistente überaktive Blase (OAB) und Dranginkontinenz (nach Versagen von Anticholinergika, Mirabegron und ggf. Botox). Nicht-obstruktiver chronischer Harnverhalt (idiopathisch). Chronisches Beckenschmerzsyndrom (selektierte Patienten).
Vorteil gegenüber Botox: Keine Restharnbildung, kein ISK-Risiko, kontinuierliche Wirkung (kein Nachlassen nach Monaten). Nachteil: Implantation nötig, Revisionsrisiko, höhere Initialkosten.
Ablauf (zweizeitig)
Phase 1: Testphase (2–4 Wochen)
In Lokalanästhesie wird eine temporäre Elektrode am S3-Foramen platziert. Der Patient testet die Stimulation im Alltag und führt ein Miktionstagebuch. Erfolg = mehr als 50% Symptomreduktion. Erfolgsrate der Testphase: 60–70%.
Phase 2: Permanente Implantation
Bei Erfolg der Testphase: Permanente Elektrode und Schrittmacher (Glutealregion) in Vollnarkose. MRT-fähige Systeme verfügbar (InterStim Micro, Axonics). Batterielebensdauer: 5–15 Jahre (aufladbar: bis 15 Jahre). Programmierung über Patientenfernbedienung.
Ergebnisse und Komplikationen
Langzeitergebnisse: 60–70% anhaltende Verbesserung über 5+ Jahre. Revisionsrate: 20–30% in 5 Jahren (Elektrodenmigration, Batteriewechsel, Infekt). Explantationsrate: 10–15%.
Komplikationen: Schmerzen an der Implantationsstelle (häufigste NW), Elektrodenmigration, Infektion (2–5%), unerwünschte Stimulationseffekte (Kribbeln, Schmerz im Versorgungsgebiet – durch Umprogrammierung meist lösbar).
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich mit dem Schrittmacher ins MRT?▼
Ja, die neueren Systeme (InterStim Micro, Axonics) sind MRT-fähig (Ganzkörper-MRT unter bestimmten Bedingungen). Ältere Modelle sind MRT-inkompatibel. Informieren Sie den Radiologen immer über das Implantat.
Quellen
Van Kerrebroeck, P. et al. Long-term results of sacral neuromodulation. BJU International, 2023.
EAU Guidelines on Urinary Incontinence. European Association of Urology, 2024.
Gasser, T. Basiswissen Urologie. Springer, 4. Auflage, 2009.
⚠️ Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei gesundheitlichen Beschwerden immer einen Facharzt für Urologie. Die Inhalte wurden sorgfältig auf Basis aktueller Leitlinien und Fachliteratur erstellt, eine Gewähr für Vollständigkeit und Aktualität kann nicht übernommen werden. Keine Haftung für Schäden durch Selbstmedikation. Letzte inhaltliche Prüfung: April 2026.