In einfachen WortenBei diesem Eingriff wird die gesamte Prostata entfernt, dazu die Samenblasen und meist die benachbarten Lymphknoten. Anschließend wird die Blase direkt an die Harnröhre genäht. Das Ziel ist Heilung.Weiterlesen
Heute wird meist mit einem Operationsroboter gearbeitet. Der Operateur steuert die Instrumente von einer Konsole aus. Das ergibt kleinere Schnitte und weniger Blutverlust. Ob der Krebs damit besser entfernt wird als über einen Schnitt, ist nicht belegt. Entscheidend bleibt die Erfahrung des Teams.
Zwei Nebenwirkungen sind wichtig. Erstens Urinverlust, weil der obere Schließmuskel mit der Prostata verloren geht. Die meisten Männer werden im ersten halben Jahr wieder trocken, Beckenbodentraining beschleunigt das. Zweitens Erektionsstörungen, weil die dafür zuständigen Nerven direkt an der Prostata verlaufen.
Diese Nerven lassen sich manchmal schonen, aber nur, wenn der Tumor nicht zu nah an ihnen liegt. Sicherheit geht dabei vor. Und: Ein Kinderwunsch ist nach dem Eingriff nicht mehr auf natürlichem Weg erfüllbar. Wer das plant, muss vorher darüber sprechen.
Wann Sie ärztlichen Rat brauchen
- Fieber über 38,5 Grad oder Schüttelfrost
- Sie können nach dem Ziehen des Katheters kein Wasser mehr lassen
- Ein Bein schwillt an oder schmerzt, dazu Atemnot
- Dunkelrotes Blut mit Gerinnseln im Urin
Der dritte Punkt kann auf eine Thrombose hinweisen. Sie ist nach Beckenoperationen häufiger und sollte sofort abgeklärt werden.
Überblick
Die radikale Prostatektomie (RPE) ist die operative Komplettentfernung der Prostata einschließlich der Samenblasen und, bei intermediärem oder hohem Risiko, der regionalen pelvinen Lymphknoten. Sie gehört zu den am häufigsten durchgeführten urologischen Eingriffen in Deutschland: Etwa 28.000 RPEs werden hier pro Jahr durchgeführt, davon mittlerweile über 80 Prozent roboterassistiert mit dem Da-Vinci-System. Sie gilt zusammen mit der Strahlentherapie als kurativer Standard beim lokalisierten Prostatakarzinom (cT1 bis T2, N0, M0) bei Patienten mit einer Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren.
Das Operationsziel ist die R0-Resektion: die vollständige Entfernung des Tumors mit tumorfreien Schnitträndern, bei bestmöglichem Erhalt von Kontinenz und erektiler Funktion. Die Abwägung zwischen onkologischer Radikalität und Funktionserhalt ist die zentrale Herausforderung der Operation. Die wichtigsten Determinanten für ein gutes funktionelles Ergebnis sind die Erfahrung des Operateurs und die Tumorlage relativ zur Prostatakapsel.
Indikation und Voraussetzungen
Die Indikation zur RPE richtet sich nach der Risikoklassifikation nach D'Amico, die Gleason-Score, PSA-Wert und klinisches Stadium kombiniert. Voraussetzungen sind ein lokalisiertes oder lokal fortgeschrittenes Prostatakarzinom (cT1c bis cT3a), eine Lebenserwartung von mehr als zehn Jahren und die OP-Fähigkeit (kein zu hohes kardiopulmonales Risiko, ASA I bis III).
Kontraindikationen sind Fernmetastasen (M1), ein fixiertes T4-Stadium mit Infiltration von Rektum oder Beckenwand, schwere kardiopulmonale Komorbiditäten (ASA IV) und eine Lebenserwartung unter zehn Jahren. Relative Kontraindikationen sind eine vorangegangene Beckenbestrahlung (deutlich erhöhtes Komplikationsrisiko) und ausgedehnte abdominale Voroperationen mit verklebten Adhäsionen.
OP-Methoden im Vergleich
Drei Zugangswege stehen zur Verfügung, das onkologische Prinzip ist bei allen identisch, die funktionellen Ergebnisse und der perioperative Komfort unterscheiden sich aber deutlich.
Die roboterassistierte radikale Prostatektomie (RARP) mit dem Da-Vinci-System ist heute der klare Standard. Über fünf bis sechs kleine Schnitte (je 8 bis 12 mm) am Bauch werden die Trokare gesetzt; der Chirurg sitzt an einer Konsole und steuert die vier Roboterarme mit 3D-HD-Sicht und 10-facher Vergrößerung. Die Instrumente sind tremorfiltriert und in sieben Freiheitsgraden beweglich, was die filigrane Präparation an den neurovaskulären Bündeln deutlich erleichtert. Vorteile: präzisester Nerverhalt, geringster Blutverlust (typisch 100 bis 200 ml), kürzester stationärer Aufenthalt. In Deutschland werden mittlerweile über 80 Prozent aller RPEs roboterassistiert durchgeführt, die offene Operation ist auf wenige Zentren ohne Roboter und auf Sondersituationen reduziert.
Die laparoskopische RPE (LRP) nutzt dieselben Schnitte wie die RARP, aber der Chirurg führt die Instrumente direkt, mit 2D-Sicht und einer eingeschränkten Beweglichkeit der Instrumente. Sie ist technisch sehr anspruchsvoll und wird nur noch an wenigen Zentren angeboten; die meisten LRP-Spezialisten sind auf RARP umgestiegen.
Die offene retropubische RPE (RRP) mit einem Unterbauchlängsschnitt (10 bis 12 cm) war über Jahrzehnte der historische Goldstandard, von Patrick Walsh 1982 mit der nervenschonenden Technik revolutioniert. Sie liefert nach wie vor sehr gute Langzeitdaten, hat aber höheren Blutverlust (300 bis 800 ml), längere Erholungszeit und größere Schnitte. Heute wird sie überwiegend an Zentren ohne Roboter durchgeführt oder als Reserveverfahren bei komplexen Voroperationen.
Ablauf der Operation
Eine roboterassistierte RPE folgt einem standardisierten Ablauf in sieben Schritten. Die Gesamtdauer beträgt zwei bis drei Stunden, das eigentliche operative Manöver am Tumor weniger als die Hälfte davon, der Rest entfällt auf Vorbereitung, Trokarsetzung, Lymphadenektomie und Anastomose.

- Vorbereitung: Nüchtern ab dem Vorabend, perioperative Thromboseprophylaxe und einmalige Antibiotikagabe. Eine routinemäßige Darmvorbereitung ist nicht mehr üblich. Eine Eigenblutspende kann bei offener OP optional sein, ist bei RARP praktisch nie nötig.
- Trokare und Zugang: Der Patient wird in steiler Kopftieflage (Trendelenburg, 20 bis 30°) gelagert. Sechs Trokare werden gesetzt, das Pneumoperitoneum mit CO₂ auf etwa 12 mmHg aufgebaut, der Roboter wird angedockt.
- Lymphadenektomie: Bei intermediärem oder hohem Risiko erfolgt eine erweiterte pelvine Lymphknotenentfernung in Fossa obturatoria, entlang der A. iliaca externa und interna. Üblicherweise werden zehn bis 20 Lymphknoten entnommen und histologisch aufgearbeitet, sie sind oft der Schlüssel zur korrekten pathologischen Klassifikation und zur Frage der adjuvanten Therapie.
- Blasenhalsabsetzung: Die Trennung der Prostata vom Blasenhals erfolgt möglichst schonend für den inneren Schließmuskel. Eine sparsame Blasenhalsdissektion verbessert die spätere Kontinenz nachweislich.
- Nerverhalt (Nervsparing): Das chirurgisch kritischste Manöver. Die Erektionsnerven verlaufen in den neurovaskulären Bündeln posterolateral an der Prostatakapsel. Bei günstiger Tumorlage werden sie beidseitig geschont, bei einseitig kapselnahem Tumor einseitig. Die 3D-Vergrößerung des Roboters ist hier besonders vorteilhaft.
- Samenblasen und Apex: Die Samenblasen werden komplett entfernt, sie sind häufig vom Tumor mit befallen und definieren mit das pathologische Stadium. Am Apex (Prostata-Spitze) wird die Harnröhre abgesetzt, unter maximaler Schonung des äußeren Schließmuskels.
- Anastomose: Blase und Harnröhre werden mit zwei fortlaufenden Nähten wieder zusammengenäht (vesikourethrale Anastomose). Eine Dichtigkeitsprüfung mit Kochsalz schließt einen Defekt aus. Ein 18-Charrière-Dauerkatheter wird eingelegt und verbleibt sieben bis zehn Tage. Eine Drainage liegt für ein bis zwei Tage.
Die Retzius-sparende Technik nach Bocciardi ist eine Weiterentwicklung der roboterassistierten RPE, bei der die Blase nicht von ihrem natürlichen Halteapparat (Retzius-Raum) gelöst wird, sondern der Zugang von hinten erfolgt. In Studien sind etwa 70 Prozent der Patienten direkt nach Katheterentfernung kontinent, im Vergleich zu 20 bis 30 Prozent bei der konventionellen Technik. Dieser dramatische Frühkontinenzgewinn macht die Retzius-sparende RPE zur attraktiven Option in spezialisierten Zentren; die onkologischen Langzeitdaten sind den klassischen Verfahren ebenbürtig.
Therapie-Pfad nach Risiko: Algorithmus
Der folgende Algorithmus zeigt den Entscheidungsweg von der Diagnose bis zur OP und zur postoperativen Strategie:
Nerverhalt und Potenz
Der Erhalt der Erektionsfähigkeit hängt entscheidend vom Nerverhalt ab. Die neurovaskulären Bündel (mit den Nn. erigentes) verlaufen direkt an der Prostatakapsel und können beim Ablösen mechanisch oder durch thermische Energie geschädigt werden. Die Lage des Tumors innerhalb der Prostata bestimmt, wie viel Nerverhalt onkologisch vertretbar ist, Tumorsicherheit hat immer Vorrang vor Funktion.
Die penile Rehabilitation beginnt etwa vier bis sechs Wochen nach der OP und umfasst Tadalafil 5 mg täglich (off-label, sogenannte „low-dose continuous PDE5“), eine Vakuumpumpe ab der vierten Woche und gegebenenfalls Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT). Sie verbessert die Erholung der Erektionsfähigkeit nachweislich, vor allem in den ersten zwölf Monaten. Die Nerverholung dauert insgesamt sechs bis 24 Monate, Geduld ist hier ein zentraler Faktor; viele Männer berichten erst nach mehr als einem Jahr von einer brauchbaren Funktion.
Nach der OP und Komplikationen
Der stationäre Aufenthalt beträgt drei bis fünf Tage bei roboterassistierter, fünf bis sieben Tage bei offener RPE. Die Mobilisation beginnt am ersten postoperativen Tag, der Kostaufbau ebenfalls. Der Dauerkatheter verbleibt sieben bis zehn Tage und wird nach einem Zystogramm zur Dichtigkeitsprüfung entfernt, meist ambulant in der urologischen Praxis.
Die Frühkomplikationen einer RPE sind insgesamt selten, müssen aber bekannt sein:
Rehabilitation und Kontinenzerholung
Nach der Entlassung steht die Anschlussheilbehandlung (AHB) an: eine in der Regel dreiwöchige Rehabilitationsmaßnahme, die von der Deutschen Rentenversicherung oder der Krankenkasse finanziert wird. Der Antrag wird noch im Krankenhaus mit Hilfe des Sozialdienstes gestellt. Die AHB sollte unbedingt wahrgenommen werden, sie verbessert die Kontinenzrate nachweislich gegenüber einer rein häuslichen Rehabilitation.
Zeitlicher Verlauf der Kontinenz: Direkt nach Katheterentfernung sind 80 bis 90 Prozent der Patienten zumindest leicht inkontinent, das ist normal und bessert sich bei der überwiegenden Mehrheit deutlich.
Onkologische Ergebnisse und PSA-Nachsorge
Die RPE bietet bei organbegrenztem Tumor gute Langzeitergebnisse. Das tumorspezifische 15-Jahres-Überleben liegt im Stadium pT2 bei über 95 Prozent, die meisten Männer sterben mit, nicht an der Erkrankung.
Positiver Schnittrand (R1): Tritt in 10 bis 25 Prozent der Fälle auf. Ein R1-Befund bedeutet nicht automatisch Rezidiv, ist aber ein Risikofaktor. Die heutige Strategie ist meist abwartend mit engmaschiger PSA-Kontrolle: Eine Salvage-Bestrahlung wird bei PSA-Anstieg auf 0,2 ng/ml oder mehr empfohlen, die frühe Salvage-RT ist nach aktueller Datenlage der prophylaktischen adjuvanten Bestrahlung gleichwertig, mit deutlich weniger Übertherapie.
Häufige Fragen (FAQ)
Bei Bürotätigkeit etwa drei bis vier Wochen, bei körperlicher Arbeit sechs bis acht Wochen. Nach der dreiwöchigen AHB sind die meisten Patienten wieder belastbar. Schweres Heben über 5 kg sollte in den ersten sechs Wochen nach OP vermieden werden, weil sonst die Anastomose und die Bauchwand-Trokarstellen belastet werden. Sport in moderater Form (Spazierengehen, Radfahren ab Woche 3) ist hingegen ausdrücklich erwünscht und unterstützt die Erholung.
Ja. Die Erektionsfähigkeit kommt langsam zurück (sechs bis 24 Monate, abhängig vom Nerverhalt) und kann mit PDE5-Hemmern, Vakuumpumpe oder bei Bedarf Schwellkörperinjektionen unterstützt werden. Der Orgasmus bleibt erhalten, allerdings kommt kein Ejakulat mehr (trockener Orgasmus). Nach Katheterentfernung sollten Sie etwa vier bis sechs Wochen mit Geschlechtsverkehr warten, dann ist er wieder unbedenklich. Bei Kinderwunsch ist die Kryokonservierung vor der OP der einzige Weg.
Beide Verfahren sind bei lokalisiertem Prostatakrebs gleichwertig im Gesamtüberleben (ProtecT-Studie 2023). Die Wahl hängt von Ihren persönlichen Prioritäten ab. Vorteile RPE: exakte Histologie und Lymphknoten-Staging, PSA fällt auf Null (eindeutige Nachsorge), Salvage-Bestrahlung bei Rezidiv möglich. Vorteile Bestrahlung: ambulant, kein OP-Risiko, keine sofortige Inkontinenz oder ED. Die Entscheidung sollte nach interdisziplinärer Beratung in einem zertifizierten Prostatakrebszentrum fallen, idealerweise mit beiden Spezialisten am Tisch.
Bei roboterassistierter RPE in aller Regel nicht, der durchschnittliche Blutverlust liegt bei 100 bis 200 ml. Eine Fremdbluttransfusion ist hier mit unter fünf Prozent sehr selten nötig. Bei offener RPE (mit Blutverlusten von 300 bis 800 ml) kann eine Eigenblutspende sinnvoll sein, besonders bei niedrigem Ausgangshämoglobin oder Patienten mit Religionsbedenken gegen Fremdblut. Sprechen Sie das vor der OP mit dem Operateur ab.
Sehr wichtig: mehr als die Wahl der OP-Methode. Studien zeigen, dass die Lernkurve eines Operateurs erst nach etwa 100 bis 250 Eingriffen abgeschlossen ist. An Hochvolumenzentren mit mehr als 150 RPEs pro Jahr und bei Operateuren mit mehr als 50 RPEs persönlich pro Jahr sind die Kontinenz- und Potenzraten messbar besser, die Komplikationsraten niedriger. Fragen Sie konkret nach der persönlichen Fallzahl Ihres Operateurs und nach der Zertifizierung des Zentrums (DKG-Prostatakrebszentrum). Eine Zweitmeinung an einem Spezialzentrum ist Kassenleistung.
Vor der Operation lohnt sich diese Liste:
Zum Ausdrucken: Fragen für das Arztgespräch, ein Heft mit Platz für Ihre Notizen.
Quellen
Leitlinien
• European Association of Urology. EAU Guidelines on Prostate Cancer. Ausgabe 2025. uroweb.org
• Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Prostatakarzinom. AWMF-Registernummer 043-022OL, Version 8.1, August 2025. leitlinienprogramm-onkologie.de
Studien
• Walsh, P. C. und Donker, P. J. (1982). Impotence following radical prostatectomy: insight into etiology and prevention. The Journal of Urology, 128(3), 492-497. PMID 7120554
• Hamdy, F. C. et al. (2023). Fifteen-year outcomes after monitoring, surgery, or radiotherapy for prostate cancer (ProtecT). New England Journal of Medicine, 388, 1547 bis 1558. PMID 36912538
• Kneebone, A. et al. (2020). Adjuvant radiotherapy versus early salvage radiotherapy following radical prostatectomy (TROG 08.03/ANZUP RAVES): a randomised, controlled, phase 3, non-inferiority trial. Lancet Oncology, 21(10), 1331-1340. PMID 33002437
• Coughlin, G. D. et al. (2018). Robot-assisted laparoscopic prostatectomy versus open radical retropubic prostatectomy: 24-month outcomes from a randomised controlled study. Lancet Oncology. PMID 30017351
Reviews
• Barakat, B. et al. (2021). Retzius Sparing Radical Prostatectomy Versus Robot-assisted Radical Prostatectomy (MASTER Study): A Systematic Review and Meta-analysis. European Urology Focus, 8(4), 1060-1071. PMID 34429272
• Ficarra, V. et al. (2009). Retropubic, laparoscopic, and robot-assisted radical prostatectomy: a systematic review and cumulative analysis of comparative studies. European Urology, 55(5), 1037-1063. PMID 22749852
